Den ganzen Menschen sehen
Auf Einladung des Präsidenten der Caritas der Diözese Funchal, Duarte Pacheco, besuchten Vertreter der Gemeinde den Sitz der Caritas. Hoch über Funchal, in einem typischen Funchaler Viertel, wurden sie sehr herzlich von den wenigen fest angestellten Mitarbeitern der weltweit vertretenen katholischen Organisation empfangen. In einem Raum das Ende der achtziger Jahre restaurierten, kleinen Herrenhauses, der auch als Kapelle genutzt wird, durften wir Platz nehmen und hörten einen sehr erhellenden Vortrag über Struktur, Funktion und praktische Arbeit der Caritas, gehalten von dem Psychologen Dr. Sérgio Fernandes. Auch der Präsident selbst und der Schatzmeister, António Soares Bernardo, unterstützten mit wichtigen Zusatzinformationen und bedankten sich ausdrücklich für die Spenden der deutschsprachigen evangelischen Kirche.
Die Caritas in Funchal arbeitet mit der Regionalregierung, namentlich mit dem Katastrophenschutz, zusammen und findet Unterstützung bei privaten Spendern, Stiftungen und Firmen, Schulen, und vor allem bei den zahlreichen Freiwilligen, die man von den zweimal jährlich stattfindenen Lebensmittelsammlungen in den Supermärkten kennt. An die beeindruckenden Leistungen der Caritas im Katastrophenfall vor Ort erinnern sich die ständig auf der Insel lebenden Mitglieder unserer Gemeinde lebhaft. Aber auch internationale Aktionen der Hilfe werden organisiert. Wichtigster Teil der Arbeit sind die Lebensmittel-Körbe, die monatlich oder in besonderen Notlagen ausgegeben werden. Schmerzlich beeindruckt zeigte sich die Gemeinde von den authentisch geschilderten Tatsachen der Armutssituation in Funchal: Die Notleidenden sind meist schwer arbeitende Menschen, die ihre Familie aufgrund der drastisch steigenden Lebenshaltungskosten mit ihrem Mindestlohn nicht mehr ernähren, geschweige denn die exorbitanten Mieten der Stadt bezahlen können – obwohl beide Ehepartner arbeiten. Da reicht es nicht für Möbel, Kleidung oder eine Waschmaschine. Auch dafür kann die Caritas aus ihrem Spenden-Reservoir sorgen. Dazu kommt, dass viele niemals um etwas gebeten haben und sich schämen, ihre Notlage kundzutun.
Die Arbeit der Caritas endet nicht mit der Auslieferung des Korbes oder eines Kleidungsstückes. Die Philosophie der Caritas heiβt: den ganzen Menschen sehen. Das bedeutet, dass in jeder Situation auf die Gesamtsituation einer betroffenen Familie eingegangen und psychologisch, sozial und seelsorgerlich gehandelt wird. Die geistliche Betreuung leistet Padre Diogo, aus der Pfarre São Martinho, Funchal.
Pfarrerin Ilse Berardo dankte der Caritas für die Einladung und den tiefen Einblick in ihre Arbeit, erzählte von den Anfängen der sehr langen Beziehung der deutschsprachigen Residenten auf Madeira zur Caritas und übergab ein Geschenk als Erinnerung. Zum Abschluss verlas Pfarrerin Berardo Worte aus Psalm 112 in beiden Sprachen zur gegenseitigen Bestärkung des gemeinsamen Dienstes am Nächsten. Die Mitarbeiter luden die Gemeinde noch zu einem liebevoll bereiteten Imbiss ein. In freundschaftlicher Atmosphäre wurden weitere Erfahrungen ausgetauscht.
Die ganz Wackeren wagten sich noch an den Aufstieg zur Festung des heiligen Johannes des Täufers, dem eigentlichen Wahrzeichen der Stadt Funchal. Was einst zur Verteidigung der reichen Stadt gegen Piraten aller Art diente, bietet heute einen lohnenswerten Rundblick hoch über Funchal.



